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Komplexität erfordert Widerspruchskompetenz – Zentrale Fragen im Führungskräftetraining

Komplexität erfordert Widerspruchskompetenz – Zentrale Fragen im Führungskräftetraining
by Heinz Peter Wallner

Komplexität erfordert Widerspruchskompetenz

Die Beschäftigung mit dem Problem der Widersprüche hat mich schon lange in ihren Bann gezogen. Im Führungskräftetraining ist das Thema für mich zum zentralen Element aufgestiegen, ist es mir doch damit möglich, sehr viele unternehmerische Problemstellungen und Herausforderungen in der Führungsarbeit systematisch und tiefgehend zu diskutieren und Praxisprobleme zu lösen.

Was Führungskräfte heute einfach wissen müssen: Komplexität erfordert Widerspruchskompetenz!

(Widerspruch = Aporie = Ambivalenz = Ambiguity = Ambidextrie)

Illustration von Dodo Kresse. Das Bild zeigt einen Widerspruch der Führungsarbeit. Es geht dabei um die Sicht der Dinge. Im Mittelpunkt steht der WELTZUSTAND. Aus der einen Perspektive – so der Text – ist jeder Anflug von Ordnung ein Wunder, von der anderen Perspektive – aus dem Idealzustand betrachtet – ist die ganze Welt eine Zumutung. Das Bild ist in grau-braun gehalten. Einige rosa Federn sind über die Abbildung gelegt.

Widerspruch Weltzustand (Dodo Kresse)

Sind Widersprüche es wert, behandelt zu werden?

Es kommt schon vor, dass Teilnehmer/innen in meinen Führungstrainings anfangs etwas verwirrt wirken, sobald wir zum Thema Widerspruchsarbeit kommen, weil sich ihnen der Sinn nicht sofort eröffnet. Ich bin aber der Meinung, dass wir den Menschen in Führungspositionen auch etwas zumuten dürfen. Es geht nicht nur um die schnellen, mundgerechten Häppchen, die Instant-Nutzen versprechen. Es geht auch um substanzielle Erkenntnisse, die im Führungsleben langfristig helfen und uns auf eine neue Ebene der Kompetenz bringen. Diese Erkenntnisse sind selten ein Geschenk, man muss sie sich vielmehr erarbeiten.

Nach einigen Stunden, Dialogen und Erklärungen aber öffnet sich das Feld der Widersprüche mit seinem enormen Potenzial. Ich möchte fast sagen, Widersprüche sind ein Thema für echte „Weltversteher/innen“, die Wert darauflegen, Entwicklungen und Herausforderungen zu durchschauen. In Top-Führungspositionen, wenn es um strategische Fragen geht, halte ich die Widerspruchsarbeit heute für unverzichtbar. In mittleren Führungsebenen ist sie sehr ratsam und hilfreich. Daher meinen viele Teilnehmer/innen, sobald sie die Sache durchblickt haben, dass ihre Perspektive der Führungsarbeit nun extrem erweitert wäre!

Warum aber ist das so?

Es gibt in Unternehmen und Organisationen keine Problemstellung strategischer Natur, hinter der nicht mindestens ein grundlegender Widerspruch steckt. Meist finden wir auch hinter allen chronischen Problemen und Konflikten einen relevanten Widerspruch. Wenn wichtige Großprojekte in Unternehmen scheitern, die Produktentwicklung nicht funktioniert oder die strategische Weiterentwicklung zum Stillstand gekommen ist, lässt sich immer ein Widerspruch finden, der als Hauptursache gelten kann. Die Lösungsmechanismen für solche Widersprüche sind zwar komplex und anstrengend, der Weg aber führt zum Ziel. Im Gesamtkontext stehen Aufwand mit dem Problem und Aufwand für die Lösung in einer guten Balance.

Was ist nun ein Widerspruch?

Ich halte es mit Herbert Pietschmann und nenne die relevanten Widersprüche „Aporien“. Hier eine einfache Definition in drei Punkten:

  • (1) Es gibt zwei einander widersprechende Aussagen.
  • (2) Beide Aussagen sind wahr oder zumindest aus der jeweiligen Perspektive berechtigt (es gibt also kein richtig und kein falsch) und
  • (3) die beiden widersprechenden Aussagen bedingen einander (die eine Aussage macht ohne die andere keinen Sinn).

Eine Einführung in den Umgang mit Aporien

In diesem kurzen Video finden Sie eine knappe Einführung in die Welt der Aporien:

Beispiel: Ordnung und Freiheit (Hierarchie und Agilität)

Die Aporie von Ordnung und Freiheit ist gerade sehr in Mode. Es ist einer der strategischen Widersprüche, der hinter der gesamten Organisationsdiskussion „Hierarchie oder Agilität“ steckt. Hierarchie steht dabei sinngemäß für Ordnung und Agilität für Freiheit.

Es lassen sich zwei widersprechende Aussagen formulieren:

  • (1) Ordnung erhält die Freiheit
  • (2) Ordnung zerstört die Freiheit.

Oder moderner ausgedrückt:

  • (1) Mitarbeiter/innen brauchen eine klare Hierarchie, damit sie in ihrem Freiraum gute Arbeit leisten können.
  • (2) Hierarchie und agile Arbeitsformen sind unverträglich, weil Hierarchie die Motivation der Menschen ruiniert.

Jetzt kommt noch ein wichtiger Punkt für das Verständnis von Aporien ins Spiel. Natürlich ist das ein Konflikt, ein „aporetischer Konflikt“. Aber alle Konfliktlösungsansätze beginnend bei der Flucht (wir ignorieren das Problem), wir vernichten den Gegner, wir unterwerfen die eine Seite oder wir delegieren das Problem nach „oben“ (Hierarchie), funktionieren einfach nicht. Bedenken Sie Punkt (3) der Definition einer Aporie: die eine Seite ist von der anderen abhängig. Das macht klar, wohin einseitige Lösungen führen würden. Bleibt der Kompromiss, der von beiden Seiten ein bisschen gibt und gleichzeitig nimmt. Auch dieser Weg führt zu keiner Lösung, weil der Streit kein Ende nimmt.

Der Konsens als Ausweg

Übrig bleibt die Königsdisziplin der Konfliktlösung, die Suche nach einem Konsens im „konsensualen Prozess“.  Jetzt wird Ihnen auch schnell klar sein, warum die Lösung einer Aporie anstrengend ist. Der Widerspruch als Konfliktfall im Unternehmen muss alle Stufen der Konfliktlösung durchlaufen und letztlich zum Konsens führen. Streit ist auf den unteren Ebenen (Vernichtungs-, Unterwerfungs- oder Delegationsversuche) inklusive. Es ist anstrengend, aber zweifellos lohnenswert!

hpwallner.com

 

(c) Gerhard Schwarz, Konfliktmanagement

(c) Gerhard Schwarz, Konfliktmanagement

Anwendungsbeispiel: Zentrale und Außendienst

Ein grundlegender Widerspruch in vielen Unternehmen, der sich mit unterschiedlichen Gesichtern zeigen kann, ist das Problem zwischen Außendienst und Zentrale. Hier ein Versuch, diese Aporie allgemein zu formulieren: Aussage 1 (These): Vertriebsmitarbeiter/innen sind Angestellte des Unternehmens und müssen sich an die Vorgaben und Regeln der Zentrale zwingend halten und bestmögliche Ergebnisse erzielen.  Aussage 2 der Gegenseite (Antithese): Vertriebsmenschen sind freie Unternehmer/innen, die bei Bedarf Unterstützung und Serviceleistungen einer Zentrale annehmen können.

Diese Dienstleistungen sind aber auch anderswo beziehbar. Hinter diesem Widerspruch steckt wieder die Aporie von Ordnung und Freiheit. Wenn in einem Unternehmen der Konflikt zwischen Zentrale und Außendienst gerade eskaliert, weil die einen die anderen der Arroganz, der überflüssigen Existenz, der Unbrauchbarkeit beschuldigen, sind sie in Phase 2 der Konfliktlösung (siehe obige Abbildung), nämlich mitten im Versuch, die Gegenseite zu unterwerfen.

Anwendungsbeispiel: Demotivation und hohe Krankenstände

Wenn Organisationen ein veritables Motivationsproblem haben oder die Fehlzeiten unangenehme Ausmaße annehmen, dann sind meist mehrere aporetische Konflikte „unter dem Teppich“ zu finden. Hierzu braucht es eine kleine Analyse, aber ein mögliches Ergebnis der Hauptwidersprüche könnte so aussehen (ein Beispiel aus dem Führungskräftetraining):

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Diese Widersprüche können in Workshops oder Interviews erarbeitet werden. Zumindest einer davon ist als Hauptursache für die Demotivation zu identifizieren und verlangt nach einem konsensualen Lösungsprozess.

Lösung der Aporie im iterativen Dialog

Natürlich gibt es noch andere Wege, aporetische Konflikte zu lösen. Eine Option kommt aus der systemischen Welt und wird nach Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd „Tetralemmaaufstellung“ genannt. Ein ähnlicher Ansatz stammt von Günther Ossimitz und Christian Lapp und nennt sich Metanoia-Prinzip. Es ist eine Anleitung zu einem fundamental anderen Denken, quasi eine Systemaufstellung im Kopf.

Lösung durch die Iteration

Besonders aktuell im Zusammenhang mit dem Umgang hoher Komplexität ist aber der „iterative Dialog“, der sich ebenso zur Lösung der Aporie eignet. Hier ein Video dazu, das den aporetischen Konflikt zwischen „Linie und Projekt“, der in vielen Unternehmen bekannt ist, in wenigen Minuten erklärt. Als Lösung wird der „iterative Dialog“ empfohlen:

Die Herausforderung liegt im Verständnis

Aus meiner Erfahrung im Führungskräftetraining liegt die größte Herausforderung im Verständnis der Aporie und deren Übersetzung in den eigenen Führungsalltag. Wenn das aber gelingt, ist eine Kompetenz gewonnen, die viel Zukunftsfähigkeit in sich trägt. Sie kennen vielleicht das Akronym  VUCA-Welt. VUCA steht für Unternehmensumwelt, die sich durch folgende Aspekte beschreiben lässt:

  • V = Volatilität (Welt voller Veränderung)
  • U = Unsicherheit
  • C = Komplexität
  • A = Ambivalenz, was nichts anderes meint, als Widersprüchlichkeit.

Wir können davon ausgehen, dass jede relevante Organisation sich einer „VUCA-Umwelt“ ausgesetzt sieht. Der Umgang mit Ambivalenz  = Widersprüchlichkeit wird also zur Standardherausforderung moderner, zeitgemäßer Führung.

Widerspruchskompetenz für Führungskräfte

Aus meiner Sicht gilt die These:

Widerspruchskompetenz = Führungskompetenz Nr. 1 in einer komplexen Welt!

Herzlich,

Heinz Peter Wallner

 

Vertiefender Content:

Widersprüche kann man lieben – Eine Anleitung für Führungskräfte

Führung und Entscheidung – der Führungsalltag voller Widerstände und Widersprüche

Wirtschaften mit Widersprüchen – Zukunft Nachhaltigkeit

Der akrobatische Weg der Führungskraft

Umgang mit Komplexität – Führungskräfte an der Belastungsgrenze

 

Der Blogbeitrag als Präsentation:

 

 

Dr. Heinz Peter Wallner Learning to change! Dem Wandel begegnen, Komplexität meistern, auf höhere Ebenen kommen! Führungskräftetrainer, Organisationsentwickler, Buchautor, Vortragender, mit 20 Jahren Berufserfahrung. Leadership, Self -Leadership und Persönlichkeitsentwicklung, Umgang mit Veränderung und hoher Komplexität (VUCA Welt), Leading Change, Entscheidungsfindung und neue emotional-intuitive Führungskompetenzen für agile Führungsformen. Das ganzheitliche und kreative Design wird Sie überraschen. Web: www.hpwallner.com Büro: Schönborngasse 4/5, 1080 Wien, Österreich Mobil: +43-664-8277375 Office: +43-664-8277376 Mail: wallner [at] trainthe8.com Office: office [at] trainthe8.com

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