Home Blogartikel Von der nautischen Globalisierung zur Eine-neue-Welt-Epidemie – eine Reise ins Unwahrscheinliche

Von der nautischen Globalisierung zur Eine-neue-Welt-Epidemie – eine Reise ins Unwahrscheinliche

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Von der nautischen Globalisierung zur Eine-neue-Welt-Epidemie – eine Reise ins Unwahrscheinliche

by Heinz Peter Wallner

„I never predict. I look out of the window. I see what is visible but not seen …” (Frances Hesselbein).

Orakel Madame Di Men Sion - Kresse-Wallner

Orakel Madame Di Men Sion – Kresse-Wallner

Die europäische und US-amerikanische Vision von stetem Fortschritt, dauerndem Wachstum und kollektivem Reichtum ist der wohl größte „Corporate Identity Prozess“ den wir kennen. Wie Peter Sloterdijk („Im Weltinnenraum des Kapitals“) beschreibt, ist dieser Großgruppen-Modellierungsprozess in psychohistorischer Sicht eine Rückprojektion von Team-Traumbildern der nautischen Globalisierung.

Was auf den Schiffen der großen Entdecker an Gruppendynamik abgelaufen ist, kann in keiner Organisation heute auch nur annähernd erlebt werden. Diese kategorische Form der gleichgerichtet träumenden Menschen, die auf den Entdeckerschiffen unter Einsatz ihres Lebens das Unmögliche zu überwinden versuchten, findet in ihrer Intensität keinen Vergleich. Die großen Kapitäne waren die Über-Leader, die auf ein Vorwärts einschwören konnten, besonders dann, wenn es „wie Wahnsinn anmutete, nicht umzukehren“ (Sloterdijk, S.130). Schätze, Reichtümer, Südseeträume, der Ruhm der Entdecker waren Motivationszaubermittel, um die Menschen auf Kurs zu halten. Die Intensität und der Wahnsinn der Vorhaben aber machte auch ein strenges Regiment notwendig. So gehörten drakonische Strafen als Mittel dazu, den Blick zurück zu unterbinden und jeden Gedanken an Umkehr im Keim zu ersticken. Die Geschichte der nautischen Globalisierung bezeugt eindrucksvoll den übermenschlichen Willen der Menschheit, Neues zu entdecken und Wissen zu vermehren.

Das heutige Traumschiff Europa ist von den alten Weisen der Entdecker meilenweit entfernt. Die Träume vom ewigen Fortschritt und vom Wachstum sind noch stark zu spüren, der Traum von einem Leben im Kapitalüberfluss ist etwas erschüttert, aber unbeirrt in den Gedankenkreisen. Da frag ich mich doch, wie kann dieses „unbeirrbare Vorwärts“, das Durchtauchen aller Krisen, die Ignoranz gegenüber dem Crashkurs und der unerschütterliche Glaube an den Bestand alter Errungenschaften in einem so großen Kollektiv anhalten, wenn wir frei sind von allem, was wir als „Leader“ anerkennen könnten? Das Bild des sinkenden Schiffes, das nun sogar die Ratten verlassen, findet keine Übereinstimmung. Alle Frauen und Männer sind noch an Bord, alle Ratten auch, nur die echten Kapitäne haben das Schiff vor Jahrzehnten verlassen. Warum schenken wir unserer Steuerung so wenig Beachtung, dass wir es widerstandslos hinnehmen, wenn die heutigen Kapitäne den Kompass für eine Uhr halten, wenn sie keinen Kurs kennen und das Steuerrad dem Wind überlassen? Warum wird der Irrweg des Kollektivs nicht ausreichend wahrgenommen?

Wie könnte die Fahrt also weiter gehen?

  1. Die Leader der Nachhaltigkeit übernehmen das Ruder, hoffen auf die Kraft der Vision und des Faktischen und nehmen alle „Secrets, Master Keys und Laws of Attractions“ beim Wort. Unwahrscheinlich jedoch, dass sie den Mut aufbringen, den Führungsanspruch zu stellen und noch unwahrscheinlicher, dass die Menschen folgen. Dennoch liegt hier eine Chance, die bislang keiner so wirklich konsequent verfolgt hat.
  2. Die Zivilgesellschaft formiert sich zu einer echten Bewegung und bringt das Schiff auf Kurs. Aus dieser Bewegung könnten sich genügend Menschen finden, die zu neuen Leadern werden. Eine solche „gute Revolution“ ist auch nicht sehr wahrscheinlich, weil das Leid noch zu gering ist und eine große Anzahl von Menschen „unter der Schwelle des Denkens“ vor den Fernsehern ruht.
  3. Die neue Erde (im Sinne Eckhart Tolles) wird Wirklichkeit. Die Menschen schaffen einen Bewusstseinssprung und kommen in konstruktive Memzonen. Wir fallen direkt aus dem Werden ins Sein. Dann mag es wirklich keine Bedeutung haben, wer die Steuerung über hat, weil eben andere Dinge wichtig sind. Eine spirituelle Evolution anstatt einer sozialen Revolution ist denkbar, wenngleich Glaube und Hoffnung stark sein müssen.
  4. Alles bleibt noch eine Zeit lang wie es ist. Wir spielen das Spiel auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Gruppen solange weiter, bis uns eine nicht mehr abzuwendende Währungsreform aufweckt oder eine der vorhersehbaren Krisen einholt, sei es eine Sozialkrise, eine Energiekrise, einer tiefere Wirtschaftskrise oder eine Klimakrise. Wie es dann weiter geht, ist mehr als unklar.
  5. Die Ratten vermehren sich auf dem Schiff und maßen sich an, die Führung zu übernehmen. Diese Möglichkeit ist gar nicht unwahrscheinlich, weil wir sie füttern, streicheln und das Ruder ja niemand in der Hand hält, was der Rattengeist auch als Einladung werten könnte.
  6. Es kommt ganz anders. Es passieren Mischformen der Varianten gleichzeitig, oder es passiert etwas ganz anderes (wie mir eben ganz blitzartig klar wurde, ist das der wahrscheinlichste Fall, weil das Flussbett meiner Ahnungslosigkeit viel breiter ist, als ich vor fünf Minuten noch dachte).
Punkt der Entscheidung - Bifurkation - Wallner

Punkt der Entscheidung – Bifurkation

Die Varianten 1, 2 und 3 sind Ausbrüche aus den Teufelskreisen. In all diesen Varianten machen wir uns auf die Suche nach „Engelskreisen“, die uns empor heben und eine positive Chance auf Entwicklung in sich tragen. Die Varianten 4 und 5 sind die Ritte auf den Teufelskreisen, die uns schon bekannt sind. Die destruktiven Kräfte werden zunehmend stärker, das Bewusstsein sinkt auf seinen historischen Tiefstwert und eine neue Eiszeit überzieht Europa und hüllt das Traumschiff in ewiges Schweigen.

Um einen Ausbruch aus den Teufelskreisen zu initiieren und zu schaffen braucht es eine Bewegung (ein Movement). Für den Erfolg müssen wir einen „Tipping Point“ erreichen. Den guten Malcolm Gladwell („Tipping Point – Wie kleine Dinge Großes bewirken können“) hätte ich fast in der Bibliothek verschlummern lassen. Nun ist der geweckt und die drei Regeln einer Epidemie (für das Gute) sind mir wieder eingefallen:

(1)    Das Gesetz der Wenigen:

Für einen Tipping Point brauchen wir keine Massen. Es reichen die Wenigen, die Vermittler, die Kenner und die Verkäufer. Die Vermittler sind die echte Netzwerker und  die Social-Web-Interbeings. Die Kenner sind die wahren Freaks der alternativen Möglichkeiten, die Nachhaltigkeitsfetischisten, die alle Fakten kennen, alle Konzepte parat und Antworten auf jede Frage haben. Die Verkäufer sind jene, die den Menschen ihre Autos wegnehmen und gegen die Straßenbahnkarte tauschen und dabei lauter dankbare Individuen hinterlassen. Und sie machen mit ihren Argumenten den Egoisten zum Community-Tiger.

(2)    Der Verankerungsfaktor:

Hierbei geht es um die Art der Informationsvermittlung. Obwohl wir alle Informationen, warum es so nicht weitergehen kann, in verschiedensten Varianten zur Verfügung haben, die Ersthaftigkeit der Situation (beispielsweise die Klimakrise) gut bekannt ist und angstmachende Bilder und Szenarien im Überfluss vorhanden sind, hat die Information keinen guten Verankerungsfaktor. Es liegt nach Gladwell nämlich viel weniger am Inhalt der Information, als an der Art der Vermittlung. Die großen Marketinggurus verbringen ihre Zeit noch zu sehr im alten System, sodass sie noch keine Zeit finden, die wirklich relevante Information in den Menschen zu verankern. Wie bringen wir also die Information in die Herzen der Menschen, was dann zu einer Haltungsänderung führen würde?

(3)    Die Macht der Umstände:

Die Macht der Umstände ist noch auf der Seite des alten Systems und schützt die Teufelskreise. Wenn wir alle wissen, dass es so nicht weiter gehen kann und wir trotzdem weiter gehen, dann müsste die Macht der Umstände ein deutliches Zeichen setzen. Aber das passiert nicht. Wir gehen weiter und alles bleibt ganz normal. Wie können wir also die Macht der Umstände auf die Seite der Guten holen? Welche Verstöße gegen das Wohl der Gemeinschaft oder gegen die Integrität der Ökosysteme müssten viel konsequenter und härter verfolgt werden als ein Verkehrsdelikt oder ein Diebstahl?

Und weil die Ausbreitung einer guten Epidemie in Communities mit höchstens 150 Menschen einen besonders guten Boden findet und Millionenstädte eher ein epidemischer Dauerfrostboden sind, kommt möglicherweise den Web Communities eine große Bedeutung zu. Dort sind Gemeinschaften von 150 Menschen häufig zu finden.

Ob uns der Ausbruch aus den Teufelskreisen gelingen wird und ob wir einen Tipping Point für eine gute Epidemie erreichen können, wird sich bald zeigen. Wenn nach dem Gesetz der Wenigen die guten Geister dieser Welt sich auf eine Rolle festlegen und klären ob sie Vermittler, Kenner oder Verkäufer sind, wenn die genialen MarketerInnen die wirklich relevante Information in die Herzen der Menschen bringen und verankern können und wir die Macht der Umstände (zumindest im Internet) für die „Eine-neue-Welt-Epidemie“ gewinnen können, gibt es eine gute Chance.

Ein guter Anfang jeder Veränderung liegt wie immer im neuen Denken (GEIST). Wir können bekanntlich nur Neues in die Welt bringen, wenn wir zuvor die Idee im Geiste reifen lassen. Das klare Bild der „Neuen Erde“ entsteht im Geist und muss im weiteren Schritt zum Gefühl (HERZ) werden. Nur wenn Geist und Gefühl eine Einheit bilden, kann das neue Tun (BEWEGUNG) ein Erfolg (FORM) werden. Zur Veränderung in der liegenden Acht (LILA Management Prinzip ) schreibe ich hier regelmäßig, sodass ich das nur ganz kurz erwähne (siehe dazu die Artikel 1, 2, 3 und die Abbildung der liegenden Acht).

Geist-Herz-Bewegung-Form Zyklus in der liegenden Acht

Geist-Herz-Bewegung-Form Zyklus in der liegenden Acht

Dieser Lernprozess in einem Geist-Herz-Bewegung-Form – Zyklus braucht auch eine große Konsequenz zur Wiederholung. Es wird uns eine Veränderung nicht in einem Schritt gelingen. Es braucht vielmehr hunderte Versuche und kleine Schritte.

Der erste Schritt ist somit klar:  Beschäftigen wir uns ernsthaft mit der Zukunft. Arbeiten wir die „Next Practice“ für eine neue Erde aus, verfolgen wir die leisen Signale, erkunden wir neue Muster und interessieren wir uns für die Randerscheinungen, die Außenseiter und Ausreißer. Was an den Grenzen passiert ist das wirklich wichtige, denn nur an den Grenzen entsteht Energie. Und die werden wir brauchen.

Ich finde die Vision, in einem Europa zu leben, dessen Menschen gemeinsam eine Wende zum Guten, einen Ausbruch aus den Teufelskreisen schaffen, sehr attraktiv.

Dr. Heinz Peter Wallner Learning to change! Dem Wandel begegnen, Komplexität meistern, auf höhere Ebenen kommen! Führungskräftetrainer, Organisationsentwickler, Buchautor, Vortragender, mit 20 Jahren Berufserfahrung. Leadership, Self -Leadership und Persönlichkeitsentwicklung, Umgang mit Veränderung und hoher Komplexität (VUCA Welt), Leading Change, Entscheidungsfindung und neue emotional-intuitive Führungskompetenzen für agile Führungsformen. Das ganzheitliche und kreative Design wird Sie überraschen. Web: www.hpwallner.com Büro: Schönborngasse 4/5, 1080 Wien, Österreich Mobil: +43-664-8277375 Office: +43-664-8277376 Mail: wallner [at] trainthe8.com Office: office [at] trainthe8.com

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