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Nur noch kurz die Welt retten? Über die Heiterkeit der Nachhaltigkeit

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Nachhaltigkeit ist eine Wirtschaft mit Nebenwirkungsarmut.

train the eight - Rahmenbild Vielfalt Nachhaltigkeit - 2011

train the eight - Vielfalt Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist ein großes Wort. War vor zwanzig Jahren noch die Diskussion über die Bedeutung des Begriffs im Vordergrund, bekommt heute die Frage der Umsetzbarkeit die höchste Priorität. Zwischen der Klärung des Begriffs und der Umsetzung des Konzeptes fehlt nur die Kleinigkeit der eigentlichen Konzeptentwicklung. Ausgelassen, einfach so. So gibt es heute nicht eine gemeinsame Vorstellung einer nachhaltigen Entwicklung sondern eine ganze Bandbreite voller Ideen, starke, schwache, brillante und absurde. So kommt es, dass heute jede Supermarktkette ihre eigene Nachhaltigkeit entwirft, sich jedes Möbelhaus mehr oder weniger eloquent  in die Diskussionen wirft und Nachhaltigkeit zum Selberbauen anbietet und selbst die Petrochemie den NachhaltigkeitsberaterInnen die Tore öffnet. Und wer gut verköstigt wird, kann auch schon mal eine Nachhaltigkeitsidee in den Korb legen, auch wenn sie dort niemand ausbrüten wird.


Blumen der Nachhaltigkeit

Die Bandbreite der Konzepte ergibt einen bunten Blumenstrauß an Versuchen. Alle zusammen sind sie gut. Jeder für sich alleine nicht unbedingt. Ist Nachhaltigkeit für die einen eine Frage der Effizienz im Umgang mit Ressourcen, zählen die anderen die Hektar eines Wackernagel’schen Footsprints zusammen. Wiederum andere konzentrieren sich auf die Abfallströme und das Recycling, während andere  auf das Wohl der Menschen, auf soziale Verantwortung, auf globale und Generationengerechtigkeit schauen. Hinzu kommen jene, die in der Nachhaltigkeit ein ganzheitliches Weltbild erkennen. Das geht bis tief hinein in die Reviere der Esoterikszene. Ganz andere wieder sehen im Status Quo die Nachhaltigkeit und erfreuen sich an ihrer Einfachheit im Geiste. Die Industrie betreibt noch ein ergänzendes Spielchen mit den Begriffen. So kommt es, dass der ohnehin nie wirklich verständliche oder gar attraktive Begriff Nachhaltigkeit nun vollkommen ins Land der Wirrung abgleitet, weil Nachhaltigkeit nun auch CSR (Corporate Social Responsibility) heisst. Corporate muß  es sein, das ist klar. Nachhaltigkeit kommt ja aus dem ruralen Bereich und ist somit zu nahe am Schweinestall und Maisacker. Und wer nach Silo duftet, findet schwerlich Einzug in die Managementetagen. Also haben wir eine neue Diskussion über die Begrifflichkeit und fragen uns, ob nun Nachhaltigkeit und CSR auch etwas gemein hätten. Das sichert die Beschäftigung der Denkelite für die nächsten Jahre.

Kurz mal die Welt retten?

Und die Akteurslandschaft ist ein Abbild der Gesellschaft. Niemand fehlt, wirklich jede Gruppe hat ihre Nachhaltigkeit. Alle gemeinsam spannen den Bogen: von den Win-Win-Strategen, die Industrien beglücken, bis zu revoltierenden NGOs, die das ganze System lieber gleich lahmlegen und eine Subsistenzwirtschaft mit selbstbemalten Geldscheinen bevorzugen würden.

Klingt das wie das  Meckern eines gelangweilten Bloggers? Kann sein, aber es ist anders gemeint. Es ist die Verwunderung und die Bewunderung einer Entwicklung, die vielfältiger nicht sein könnte. Weil ich selbst seit fast 20 Jahren ein Akteur der Szene bin, nehme ich mir die Freiheit, es so wahrzunehmen. Und, wie wir wissen, sind Wahrnehmungen subjektiv und daher immer wahr. Wir können – das weiß ich von Herrn R.K.Sprenger – ja nichts falschnehmen.

Ich frage mich mit immer heiterer Gelassenheit, wie eine solch zerrüttete Szene aus Zwergen und Riesen die Mühlen der Politik durchdringen konnte, ohne platt zu sein, wie die Ideen an der Ignoranz der Medien vorbeikamen, um heute ganze Seiten zu füllen, und vor allem, wie es gelang, die vielen Jahre der Konferenzen auf allen Ebenen, vom Gemeindetreffen bis zur globalen Konferenz, mit dem konsequenten Ergebnis der lauwarmen Luft  am Leben zu erhalten und immer noch Energie zu haben. Die Nachhaltigkeit ist das erste Perpetuum mobile, wie es scheint. Damit wäre das Grundproblem ja schon gelöst, nur wissen wir es noch nicht.

Die beste aller Welten?

Worin liegt also die Faszination? Geht es um die Rettung der Welt, um ein neues Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, um eine Revolution oder Evolution? Was steckt dahinter und welches Muster zieht sich durch? Anfangs dachte ich in der großen Idee etwas Verbindendes zu finden. Das halte ich heute für eine Fehlannahme. Es gibt sie zweifellos, die jungen Wilden, die Ideengenerierung auf Almen inszenieren, Interviews per Videobotschaft in die Täler schicken und dabei wahrscheinlich wirklich die Welt neu erschaffen wollen. Es gibt die Menschen in den Regionen, die sich abschuften, um die Energievisionen Millimeter für Millimeter voran zu treiben und sich der Ähnlichkeit mit Sisyphos nicht erwehren können. Es gibt die Vulkanländer, die gegen ihre eigenen Widerstände kämpfen und die Werte in der Region vor dem Untergang bewahren. Von den Projekten und Initiativen in aller Welt ganz zu schweigen. Was hier unter der Fahne der Nachhaltigkeit geleistet wird, rührt wohl jeden Menschen an, auch den, der schweigend vor dem Fernsehen sitzt. Sie alle verbindet die Idee einer besseren, einer neuen Welt.

Das Absurde am Win-Win

Unter derselben Fahne aber tummeln sich die Win-Winler, die eifrig mithelfen, die nicht nachhaltige Wirtschaft noch möglichst lange am Leben zu erhalten. Mit Verbesserungsprozessen und ISO Normen wird rein gewaschen und poliert, was längst in Würde untergehen hätte können. Sie alle wollen zwar auch die Welt verbessern, aber sicher keine neue schaffen. ‚Wenn das Alte glänzt, wird es auch reichen‘ lautet der Inhalt der Pragmatiker. Da klaffen  die Ansprüche zwischen WeltverbesserInnen und NeuerfinderInnen so weit auseinander, dass ich beim besten Willen keine verbindende Idee erkennen kann.

Was aber alle Gruppen, alle Konzepte und Ideen verbindet ist das Spannungsfeld, das sich um sie herum aufbaut, der Gegenpol, der sich formiert, sobald Nachhaltigkeit auf die Fahnen kommt. Und das wichtigste dabei ist die Folge der Polarität. Es sind die mühsamen, zähen, nie enden wollenden Diskussionen, der Streit um Worte, um Ideen, um die hellsten Plätze, um die Gelder, um die Ressourcen und um jeden Quadratmeter Regenwald. Nachhaltigkeit ist vor allem eins, ein Diskussionsprozess, der sich selbst stabilisiert und immer wieder erneuert.  So frustriert können die Akteure mit ihren gescheiterten Versuchen um Nachhaltigkeitsstrategien gar nicht sein, dass sie nicht wie Stehaufmännchen die nächste Runde einläuten, erneut diskutieren, erneut um Worte ringen, erneut von der Politik alles zermalmen lassen, um aus den Bröseln wieder neue Brötchen zu backen. Wo diese Energie herkommt? Sie kommt aus den Menschen, aus dem Sinn, den sie finden, aus der Weltenseele, die den bunten Strauß aus Liebe zu den Menschen zusammen hält.

Nachhaltigkeit ist ein Diskussionprozess. Und das ist gut so!

Nachhaltigkeit braucht nämlich keine Blitzgneißer mit schnellen Lösungen. Das würde nur schaden. Nachhaltigkeit braucht den Diskussionsprozess, sie braucht das Elend im Tal der Tränen, sie muss sich durch die Asche wühlen und warten können. Es wird noch eine Weile dauern (und vielleicht ist es für unser System dann schon zu spät). Aber es wird ein Zeitpunkt kommen, an dem ein großes Verstehen eintritt. Ein Verstehen, das die Welt verändern wird, ganz und gar. Auf die Dunkelheit des Schattenkampfes fällt das Licht des Erwachens. Aus den Diskussionen wird der Dialog, wie ihn David Bohm ins Leben brachte. Und kein anderer Weg führt uns dort hin. Es ist gut, dass wir ihn gehen. Und jede Gruppe und jede Idee, auch die absurden, helfen weiter. Die Vielfalt am Start kann uns nur helfen, kann uns nie schaden.

Die Widersprüche in der Nachhaltigkeit dürfen sein

Die Nachhaltigkeit ist Diskussion, ist Schattenkampf, ist Polarität  aber noch zu wenig Resonanz. Immerhin  es wird mehr. Zahlreich sind die Widersprüche, die Aporien, die wir finden, sollten wir ernsthaft suchen. Hier beschreibe ich, was ich gefunden habe. Es sind keine ausgereiften Gedanken, es ist ein Denkprozess und da nur der Beginn. Nachhaltigkeit ist ein Strauß voller Aporien, voller auswegloser Situationen, voller unauflösbarer Konflikte.

Einige Aporien, die ich in der Nachhaltigkeit erkennen kann:

  • Mensch: die Aporie „Karriere“ vs „Lebendigkeit“
  • Organisation: die Aporie „Effizienz“ vs „Sinn“
  • Gesellschaft: die Aporie „Besitz“ vs „Möglichkeit, an der Entwicklung teilzuhaben“
  • Wirtschaft: die Aporie „Steigerung“ vs „Ankunft“

Die Nachhaltigkeits-Aporie der Menschen zeigt sich in der Polarität zwischen Karriere (eine Erscheinungsform der Effizenz) und Lebendigkeit.  In der Überhöhung wird aus Kariere eine Opferung des eigenen Lebens am Altar der liberalen Wirtschaft, also ein Werteverlust. Aus der Lebendigkeit wird in ihrer extremen Ausprägung ein Spiel am Waldesrand, ein Tanz auf einer Blumenwiese inmitten der Wohlstandgesellschaft, also ein Realitätsverlust.

Die Nachhaltigkeits-Aporie der Organisationen, der Unternehmen zeigt sich im Spannungsfeld zwischen Effizienz und Sinn. In der Überhöhung kommen wir zum Schattenkampf zwischen Entmenschlichung durch Maschinendenken und der ewigen Sinndebatte mit Ertragsverlust.

Die Nachhaltigkeits-Aporie der Gesellschaft spannt den Bogen zwischen dem klassischen, materiellen Besitz und der rein immateriellen Möglichkeit, an der Entwicklung der Welt teilzuhaben.  Im Aschekeller beobachten wir den Kampf zwischen den Erbauern neuer Pyramiden aus Goldbarren und den Nutzern rostiger Wellblechhütten mit Peepoo-Beutel und (leider) fehlendem Internetanschluss.

Die Nachhaltigkeitsaporie der Wirtschaft spielt das Spiel Steigerung versus Ankunft.  In seiner Übertreibung wird das Spiel zum Kampf zwischen globalem Wachstum auf Basis von Finanzblasen und regionaler Autarkie auf Basis selbstkultivierter Kleingeistigkeit.

Das große Erwachen bleibt noch aus

Wie wir wissen lassen sich Aporien nicht auflösen. Der dialektische Prozess führt uns im Konflikt nur auf eine höhere Ebene und konfrontiert uns sofort mit einer neuen Aporie. Damit wir nicht in der Asche ersticken, müssen wir den Diskussionsprozess am Laufen halten. Mehr ist zur Nachhaltigkeit nicht zu sagen, zur Aporie aber schon, z.B. vom Aporie-Original, Prof. Herbert Pietschmann, oder von Prof. DI Kurt Völkl in Videogesprächen mit mir.

In der Zwischenzeit lassen Sie uns in einer Achterschleife spazieren gehen und eine heitere Reinigung genießen. Und bitte nicht vergessen: „train the eight“!

Herzlich,

Ihr

Heinz Peter Wallner


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Autor: Heinz Peter Wallner

Dr. Heinz Peter Wallner: Führungskräftetrainer, Management-Ratgeber, Buchautor und Vortragender mit 20 Jahren Erfahrung. Führungskräfte stehen heute vor ganz neuen Herausforderungen, die eine hoch komplexe, extrem dichte Arbeitswelt mit sich bringt. Viele sind an ihrer Belastungsgrenze angekommen und dennoch bleiben viele Probleme ungelöst. Das liegt daran, dass herkömmliche Führungs- und Managementkompetenzen nicht mehr ausreichen. Es braucht Kompetenzen für den Umgang mit hoher Komplexität. Das ist ein neues Terrain für Führungskräfte auf allen Ebenen des Managements. Wählen Sie aus meinen speziellen Trainingsangeboten in den Bereichen Leadership, Self Leadership und Persönlichkeitsentwicklung, Umgang mit Veränderung und hoher Komplexität (VUCA Welt), Leading Change, Entscheidungsfindung und neue emotional-intuitive Führungskompetenzen für agile Führungsformen aus. Gemeinsam stellen wir das passende Führungskräftetraining und ein erfahrenes Team zusammen. Das ganzheitliche und kreative Design wird Sie überraschen. Web: www.hpwallner.com Wallner und Schauer GmbH Hauptstraße 23/1/24 A-8301 Laßnitzhöhe Austria

12 Kommentare

  1. Interessanter und tiefsinniger Artikel. Natürlich könnte jeder noch ein halbes Dutzend weitere Aporien aufzählen, aber ich möchte in diesem Zusammenhang noch „steuern“ vs. „treiben lassen“
    erwähnen.

    „Steuern“ im Sinne von „aktiv eingreifen“, „manipulieren“, „meiner Intention unterwerfen“ und
    „treiben lassen“ im Sinne von „beobachten“, „passieren lassen“, „unterstützen“, „promoten“.

    Manager meinen, nachhaltig könne nur sein, was aktiv gestaltet, was „gemacht“ werde. „Macher“ haben Hochzeit, Methoden und Rezepte sind gefragt.
    Ich glaube, es ist auch im Sinne Bohms, dass man dem System zuhört, seine Kräfte respektiert und seinen einmal eingeschlagenen Weg unterstützt, auch wenn er nicht immer in der Richtung geht, die einem passt.

    Oder würde „treiben lassen“ dann unweigerlich auch heissen, dass man der Verschlechterung der lebenswichtigen Parameter (CO2, Ozon, Wasserreinheit, Temperatur, etc.) zuschaut? Meinte der ursprüngliche Sinn des Begriffs „Nachhaltigkeit“ nicht, sich aktiv und mit aller Kraft gegen diese Verschlechterung einzusetzen, also die Systeme „Mensch“, „Organisation“, „Gesellschaft“ und „Wirtschaft“ so zu manipulieren, dass sie die lebenswichtigen Parameter unter keinen Umständen verschlechtern?

  2. Ich finde den Essay auch sehr spannend und gehaltvoll und angenehm geschrieben, Herr Addor. Ad Steuer-Aporie: Es liegt eben im Wesen der Aporie, dass beide Recht haben – derjenige, der tapfer das Steuer in die Hand nimmt und einen neuen Kurs steuert gleichermaßen wie jener, der achtsam die Linien betrachtet, die ein Kahn auf einem Fluss zeichnet, lediglich geleitet von Wind, Welle und Wetter. Wir sind so geübt im „Werten“ und „Entscheiden“, dass wir diese Gleichzeitigkeit von einander scheinbar Widersprechendem kaum aushalten wollen.
    Und: ich denke auch, dass „Nachhaltigkeit“ ursprünglich meinte, sich „mit aller Kraft“ gegen die Verschlechterungen, die Sie oben beschreiben , einzusetzen. Wo bliebe der charismatische Schimmer unserer Greenpeace-Helden, würden sie „mit halber Kraft“ arbeiten?

  3. Ich schmunzle, ob Ihren versöhnlichen Gedanken, die mich angenehm berühren. 🙂
    Sie haben ja so recht, dass eine Aporie nicht Alternativen zeigt, sondern einen Dualismus, in dem beide Seiten wahr sind. Ich kämpfe zwar aus verschiedenen theoretischen Gründen noch mit der Ungewissheit, ob eine Aporie „sowohl-als auch“ oder eventuell doch „weder-noch“ ist. Eine Aporie kommt vielleicht – ich weiss es nicht – dadurch zustande, weil unsere kognitiven Fähigkeiten einfach zu arm sind, um die umfassende Wahrheit zu erkennen. Daher sehen wir jeweils immer nur eine Seite der Medaille und die auch nur verfälscht.
    Hingegen halte ich es lieber mit dem postheroischen Management nach Dirk Baecker. Helden brauchen wir nun ganz sicher keine mehr. Die Macher, Sanierer und heldenhafte Projektleiter, die mit ihren Schwertern unerschrocken den gotischen Knoten durchschlagen, sind endgültig passé. Wir brauchen kluge Leute, nicht mehr starke, die mit „voller Kraft“ arbeiten!

  4. Mit „Nie wieder Vernunft“ rennt Backer offene Türen bei mir ein. 😉 Kluge Leute – ja. Integre Leute: Doppel-Ja. Lebendige Leute: Dreifach-Ja!
    🙂

  5. Heinz Peter Wallner 9. Oktober 2011 um 18:01

    Sehr geehrter Herr Addor! Danke 🙂
    Ursprünglich wird vielleicht das „weder das eine, noch das andere“ mit der Aporie gemeint gewesen sein, so scheint es mir zumindest. Die Haltung „beide Seiten haben recht“ gefällt mir aber zunehmend besser 🙂

    Die Aporie „steuern“ vs „treiben lassen“ finde ich hoch spannend! Danke Herr Addor für Ihren wertvollen Beitrag. Mich beschäftigt diese Aporie auch immer mehr. Ist es doch auch eine Frage der eigenen Lebensgestaltung. Soll ich zukunftsgerichtet agieren, mir Ziele setzen, mich selbst „durchs Leben führen“ oder soll ich mich in jedem Augenblick dem Leben ohne Widerstand, teils mit Freude und manchmal mit Begeisterung ergeben? Einfach annehmen was ist, und es nicht anders haben wollen. Je näher ich dem lebendigen Sein bin, desto eher kann ich mich „treiben lassen“. Je abgewandter ich dem Leben bin, je weiter der Kurs neben meiner „Lebensspur“ liegt, desto wichtiger wird es, steuernd einzugreifen.
    In der Nachhaltigkeitsfrage liegt unser Kurs für ein „treiben lassen“ vielleicht doch zu fern ab jeder möglichen Spur?

  6. Heinz Peter Wallner 9. Oktober 2011 um 18:03

    Liebe Dodo,
    danke, schöner kann wohl niemand diese Aporie zum Ausdruck bringen! Auch das Bewerten, das ständige Entscheiden müssen … all das geht ja von „richtig“ und „falsch“ aus. Wer steuernd eingreifen will, braucht die Bewertung, oder? Wer sich treiben läßt, kann gut ohne Bewertung durchs Leben gehen und in jedem Augenblick eine Entscheidung für das Leben treffen. Vielleicht ist es aber auch eine neue Form der Bewertung, der kein „richtig/falsch“ zugrunde liegt, sondern eine Bewertung, die aus dem Herzen (oder aus dem Herzhirn, oder der Intuition, oder gar dem morphischen Feld, …. ) kommend immer richtig (und falsch zugleich) sein kann, weil es auf einer anderen Eben des Lebens den Dualismus nicht mehr braucht / nicht mehr gibt. Dabei beginnt sich aber mein Geist mehr und mehr zu verfranzen 🙂

  7. Halt, halt, „treiben lassen“ heisst nicht, ohne Entscheidung durch’s Leben gehen! Mit „treiben lassen“ – vielleicht lässt der Ausdruck zu wünschen übrig – meine ich, Katalysator und Promotor sein, verstehen, was das System will und es unterstützen, aber nicht beeinflussen.

    Wenn ein Evolutionspfad so richtig zieht, dann lässt sich nichts steueren. Dann kann man froh sein, wenn man nicht kentert. Wer will denn gegen die alte QUERTZ-Tastatur ankämpfen, deren Hauptfunktion es ist, zu bremsen (damit sich die Typen der Schrebmaschine nicht verhedern)? Glaubt Ihr wirklich, Ihr seid fähig die ergonomische Tastatur (die es wirklich gibt) einzuführen? Das geht nicht!

    Nachhaltig ist es, zu spüren, wann man sich in seichtem, ruhigem Gewässer befindet und ein Pfadbruch möglich ist. Genau dann kann man steuern und nur dann. Je komplexer die Welt, desto weniger solche ruhige Abschnitte gibt es.

    P.S. Und wenn wir schon einen so guten Dialog haben, dann passt das „Herr Addor“ irgendwie nicht so ganz. Ich würde gerne vertrauter angeredet werden… 🙂

  8. In der Praxis ist es nicht immer so einfach, wie in einer theoretisch-philosophischen Diskussion. Beispiel weltweite Finanzkrise: So man marode Banken und Staaten durch Finanzspritzen zu retten versuchen („steuern“) oder soll man Griechenland wieder aus dem Euroland ausschliessen und marode Banken gegen die Wand fahren lassen? Hier sind sich nicht einmal Systemtheoretiker untereinander einig, und alle die schönen Worte in den bisherigen Kommentare verflüchtigen sich….

  9. Fein, dann von Peter zu Peter 🙂
    Vielleicht meinen wir mit „wenn ein Evolutionspfad richtig zieht“ und mit „im Fluss des Lebens sein“ etwas sehr ähnliches. In diesem Fall ist ein sich „treiben lassen“ von hoher Konzentration begleitet. Sich dem System anzuschließen, es nicht zu behindern und nicht zu bewerten, eins zu werden mit der Situation, ist auch ein „treiben lassen“. Dieses „treiben lassen“ erhebt sich über das normale Denken. Es gibt auch ein depressives, gleichgültiges sich treiben lassen, das aber findet unter der Schwelle des Denkens statt.

    Wann wir ein komplexes System wirklich beeinflussen können? Nur in ruhigen, seichten Gewässern? Wenn das so ist, dann haben wir ja in den heutigen Turbulenzen kaum Möglichkeiten. Dann wird vieles von dem, was wir tun ziemlich unerheblich, oder? Dann hilft uns nur mehr die Grundhaltung „Respekt“ 🙂

  10. Wunderbar, Heinz Peter! Du bringst das was ich meine und fühle ganz genau auf den Punkt. Mein „Treiben lassen“ als aporetisches Komplement zu „beeinflussen“ ist ein Eins werden mit der Situation und von hoher Konzentration begleitet.

    Und ja, ja und nochmals ja! Ich meine, dass wir in der Tat wenig Möglichkeit haben, etwas zu beeinflussen, was nicht heisst, dass das, was wir tun unerheblich zu sein braucht. Der River Rafter wird in turbulenten Abschnitten zwar einfach mitgerissen, kann aber durch heftiges und richtiges Padeln für eine gewisse Stabilität sorgen, obenauf zu bleiben, nicht zu kentern, etc.

    Während die meisten Entscheidungsträger meinen, sie könnten die Situation kontrollieren und durch ihre Handlungen alles langfristig noch viel schlimmer machen, plädiere ich einfach nur für „stabilisierenden Respekt“…

  11. Heinz Peter Wallner 11. Oktober 2011 um 07:19

    Danke, Peter, für den „stabilisierenden Respekt“. Das ist wohl genau der Punkt, treffsicherer geht es nicht. Wünsche Dir einen wunderbaren Tag.

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