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Komplexität und Evolution der Organisation

Es wird viel über den Begriff Komplexität geschrieben und diskutiert. Ich kann mich auch des Eindrucks nicht erwehren, die Komplexität sei so etwas wie ein erklärter Feind der Organisation und überhaupt des Menschen selbst. Simplify Everthing ist dabei der moderne Leitspruch. Reduktion der Komplexität ist die Hauptaufgabe des Managements schlechthin.  Hier möchte ich einhaken und zumindest anregen, diese Position zu überdenken. Es ist die Richtung der Evolution, die Komplexität der Welt zu erhöhen. Die Selbstorganisation, die  Leben hervorbringt, arbeitet eindeutig gegen die Vereinfachung. Nicht, dass es keine Effizienz im Leben gäbe, sie ist sogar häufig anzutreffen, aber sie steht nicht im Zentrum der Evolution und ist kein Ziel. Effizienz scheint mir eher ein mögliches Ergebnis zu sein, das auch auftreten kann. Es gibt sehr effiziente und auch sehr ineffiziente Lebensformen. Ich bin zur Auffassung gekommen, dass die Lebensfähigkeit einer Organisation – somit auch die Krisenfähigkeit des Unternehmens – umso höher ist, je höher die Komplexität des Systems ist. Vorsicht ist aber bei Maximierungsansätzen immer geboten. Komplexität ist gut, aber es gibt unter vorgegebenen Bedingungen ein oberes Limit der Komplexität, das ertragen werden kann.

Das Ziel des Managements ist es daher nicht die Komplexität zu verringern, sondern die Skills, um hohe Komplexität meistern zu können, aufzubauen.

Lösen wir uns also von dem Irrtum, wir müssten die Komplexität der Organisation reduzieren. Das wäre ja so, als müssten wir absichtlich gegen die Prinzipien der Evolution ankämpfen um Erfolg zu haben. Selbstverständlich zieht uns die Entwicklung zu immer höherer Komplexität.

Es geht darum, mit der Komplexität umgehen zu lernen, sie sympathisch zu finden und mit ihr zu leben.

Außerdem scheint es mir sehr offensichtlich, dass sich Menschen in einer Organisation höherer Komplexität viel einfacher zu recht finden. Es bedarf also einer Unterscheidung zwischen der Komplexität der Organisation – die bis zum Optimum steigen kann – und der von den Menschen im System wahrgenommenen Komplexität (eher als Kompliziertheit zu sehen, weniger als Komplexität), die gleichzeitig sinken soll. Es ist wie im ganzheitlichen Denken üblich, kein „Entweder-Oder“ sondern ein „Sowohl-als-Auch“. Aus der Sicht der Menschen ist es ganz klar: Ein System, das der Selbstorganisation nahe ist und somit ein menschliches, lebensfähiges System ist, wird eine sehr hohe Komplexität entwickeln, weil sich das System stetig weiter entwickelt. In einem solchen System finden sich Menschen intuitiv zurecht und füllen ihren Platz aus und leisten ihren Beitrag für das Ganze. Zusätzlich entsteht an allen Ecken und Enden Vertrauen, Vertrauen in sich selbst, Vertrauen in die Menschen, Vertrauen in eine gute Zukunft. Und schon Luhmann hat gezeigt, dass Vertrauen in der Lage ist, die wahrgenommene Komplexität für einen Menschen zu reduzieren (obwohl das System selbst eine sehr hohe Komplexität aufweist).

Dodo Kresse)

Leben organisiert sich (Zeichnung: Dodo Kresse)

Eine formal hierarchische und streng geführte Organisation mag im Denkmuster des darwinschen Kampfes gut aufgestellt zu sein, aber sie kämpft einen Kampf, der die Menschen weder interessiert noch zur Entwicklung der Gesellschaft einen sinnvollen Beitrag zu leisten vermag. In einem solchen gänzlich lebensfremden System zu „stehen“, ist für Menschen mit hoher Wahrnehmungsfähigkeit unerträglich, und zwar auf der Seite der Führung und auf der Seite der MitarbeiterInnen. Ohne eine ständige Reduktion der Komplexität und eine ständige Erhöhung der Schlagzahl durch Steigerung der Effizienz ist das System weder überlebensfähig noch auszuhalten. Niemand braucht diese Systeme und sie sind nicht die einzig denkmögliche Alternative.

Das Leben zeigt uns jenseits der darwinistischen Reduktion auf „survial of the fittest“ ja einen Reichtum an Optionen, der bisher von der Wirtschaft unangetastet blieb. Wir haben aus dieser Perspektive viel Grund zur Hoffnung. Unternehmertum war ja immer schon von einer Neugier und Kraft gekennzeichnet, die Entdeckungsreisen zur lohnenden und spannenden Aufgabe hat werden lassen. Dieser Aufbruch zu neuen Welten des Wirtschaftens ist deutlich zu spüren, auch wenn die Routen erst besprochen und die Schiffe gebaut werden wollen (was in Krisenzeiten auch noch langsamer vor sich geht). Aber es gibt auch keinen Grund zu Eile, weil die neuen Welten auf uns warten und immer klarer „in der Ferne erkennbar werden“. Den Pionieren, die frühzeitig in See stechen, sollten wir das Glück wünschen, den neuen Reichtum zu finden. Sie mögen uns dann einladen, ihnen zu folgen.

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Autor: Heinz Peter Wallner

Dr. Heinz Peter Wallner: Führungskräftetrainer, Management-Ratgeber, Buchautor und Vortragender mit 20 Jahren Erfahrung. Führungskräfte stehen heute vor ganz neuen Herausforderungen, die eine hoch komplexe, extrem dichte Arbeitswelt mit sich bringt. Viele sind an ihrer Belastungsgrenze angekommen und dennoch bleiben viele Probleme ungelöst. Das liegt daran, dass herkömmliche Führungs- und Managementkompetenzen nicht mehr ausreichen. Es braucht Kompetenzen für den Umgang mit hoher Komplexität. Das ist ein neues Terrain für Führungskräfte auf allen Ebenen des Managements. Wählen Sie aus meinen speziellen Trainingsangeboten in den Bereichen Leadership, Self Leadership und Persönlichkeitsentwicklung, Umgang mit Veränderung und hoher Komplexität (VUCA Welt), Leading Change, Entscheidungsfindung und neue emotional-intuitive Führungskompetenzen für agile Führungsformen aus. Gemeinsam stellen wir das passende Führungskräftetraining und ein erfahrenes Team zusammen. Das ganzheitliche und kreative Design wird Sie überraschen. Web: www.hpwallner.com Wallner und Schauer GmbH Hauptstraße 23/1/24 A-8301 Laßnitzhöhe Austria

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