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Herrliche und wilde Kräfte der Führung in einer ganzheitlichen Welt

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Herrliche und wilde Kräfte der Führung in einer ganzheitlichen Welt

by Heinz Peter Wallner
Aporie in der liegenden Acht - Wallner 2010

Aporie in der liegenden Acht – Wallner 2010

Es gibt herrliche und wilde Kräfte in uns (Heiliger Franz von Assisi). Und so geht es uns mit der Führung. Auch sie birgt herrliche und wilde Kräfte in sich, die wir auf Menschen wirken lassen und mit denen wir Unternehmen mit Energie versorgen.

Wie verändert sich Führung in einer zunehmend ganzheitlichen Welt? Wenn aus Macht Kraft, aus Steigerung Ankunft, aus Wirkung Quelle und aus Stress Erleichterung wird, was wird dann aus der Führung? Wir können annehmen, dass Machtsysteme sich evolutiv in Kraftsysteme verwandeln und, dass aus dem guten Handwerk des Managements immer mehr eine spirituelle Kunst wird. Was Führung aber auch in einer ganzheitlichen Welt bleiben wird: Die Führungsaufgabe ist eine Aporie. Eine Aporie ist nach Sokrates eine in sich unauflösbare Problemstellung. Sie führt uns nur zur paradoxen Erkenntnis des Nichtwissens, der Ausweglosigkeit. Warum ist das so? Es ist eine Frage der Perspektiven zweier Standpunkte. Vereinfacht gesagt läuft am Beispiel des MitarbeiterInnen-Gespräches ein Verhandlungsprozess ab. Führungskräfte wollen den Menschen möglichst hohe Ziele abverlangen, MitarbeiterInnen hingegen möchten Ziele so formulieren, dass sie sinnvoll und ohne Stress erreichbar sind. In einem uninspirierten Gespräch führt eine solche Situation zu einem unvermeidbaren Kompromiss. Für dieses Problem, das sich aus zwei widersprechenden Standpunkten ergibt, gibt es keine einfache Lösung. Beide Seiten haben – aus ihrer Perspektive betrachtet – immer recht und die möglichen Lösungen sind voneinander vollkommen abhängig. Diese unauflösbaren Spannungen finden sich auf vielen Ebenen in Unternehmen wieder. Von der Budgetierung, dem Umgang mit Gewerkschaften bis zur Übernahme sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung (CSR-Thematik) treffen wir immer wieder auf solche aporetischen Spannungsfelder.

Aporetische Spannungsfelder in Unternehmen (Beispiele):

  • Führungskraft – MitarbeiterInnen
  • Organisation – Mensch
  • Struktur – Verhalten
  • Rahmen – Freiheit
  • Hierarchie – Selbstverantwortung/Selbstorganisation

Diese aporetischen Spannungsfelder sind auf scheinbar unterschiedliche Pole zurückzuführen, denen  wir in einer mechanistischen Denkwelt nur mit Kompromissen und Kampf begegnen können. Sie verhalten sich wie Innen und Außen, wie individuell und kollektiv,  wie Spannung und Harmonie, wie objektiv und subjektiv.

(siehe dazu auch meinen Artikel: Die Begegnung mit den polaren Kräften in der liegenden Acht)

Es ist kein Ziel der Führungsarbeit dieses Problem zu lösen und der Situation die Spannung zu nehmen. Das Ziel kann nur sein, diese Spannung als positive Energiequelle zu nutzen und das Problem zu transzendieren, es auf die nächste Ebene zu bringen und eine „Sowohl-als-auch-Lösung“ zu initiieren.  Wenn wir uns aus dem „Entweder-oder-Denken“ befreien, finden wir eine Möglichkeit, aporetische Konflikte als positive Kräfte wahrzunehmen und geradezu aktiv aufzugreifen. Die Energie entsteht aus dem spannenden Wechselspiel zwischen führen und führen lassen. Es kommen vermeintliche Gegensatzpaare in eine „in der liegenden Acht schwingende“ Resonanz.

Train the Eight - aporetische Spannung - Wallner 2010

Train the Eight – aporetische Spannung – Wallner 2010

Die Abbildung auf Twitpic.

Genau diese Frage arbeiten Kurt Völkl und ich gerade näher aus, weil wir sie in unserem „Train the Eight“ Programm zum Thema Führung gleich im ersten Modul aufgreifen. Die Grundannahmen eines ganzheitlichen Führungsverständnisses sind noch auszuarbeiten, wovon wir aber ausgehen können, ist folgendes:

  • Führung ist jene Kraft, die das Unternehmen in Bewegung hält (Lebensfunktion).
  • Führung ist die dauernde Energiezufuhr ins System, damit es seinen gleichgewichtsfernen Zustand – nahe am Puls des Lebens – aufrecht erhalten kann.
  • Ganzheitliche Führungsarbeit bezieht ihre Energie aus der Transzendierung von aporetischen Spannungsfeldern (und nicht mehr aus Diskussion und Kampf)

Es ist daher Ziel ganzheitlicher Führung, aporetische Spannungen zu suchen, die Energiequellen zu erschließen und in positive Energien umzuwandeln. Jede positiv transzendierte Spannung, bringt uns  auf der vertikalen Himmelsleiter der Unternehmensentwicklung eine Sprosse höher nach oben. Die aporetischen Spannungsfelder gehen uns nicht aus, es wird nur ihre Qualität – nach jeder Transzendierung – eine höhere und damit das jeweilige Entwicklungspotenzial, das in ihnen steckt zunehmend größer. Das ganzheitliche  Unternehmen wächst an seinen aporetischen Spannungsfeldern.

Train the Eight - aporetische Spannungsfelder - Wallner 2010

Train the Eight – aporetische Spannungsfelder –     Wallner 2010

Die Abbildung  auf Twitpic.

Je mehr Harmonie erzeugt wird, desto mehr Spannung brauchen wir, je mehr Selbstorganisation wir zulassen, desto mehr Rahmenbedingungen müssen wir festlegen, je mehr Menschlichkeit wir im Unternehmen leben, desto klarer müssen die Strukturen sein, je mehr Selbstverantwortung wir fordern, desto mehr Hierarchien braucht es. Es ist in einer ganzheitlichen Welt eben nie ein Entweder-oder, es ist immer das Sowohl-als-auch (hier gilt natürlich sinngemäß „wie oben so unten, wie innen so außen, …“).

In der liegenden Acht (train the eight) ist daher Führung im Ursprung zu finden, sie ist die treibende Kraft, die das Schwingen in der liegenden Acht in Gang hält. Vor diesem Urgrund der Energie darf das Unternehmen seine Kraft entfalten. Die rechte Seite der liegenden Acht ist in der Tendenz die Innenwelt, die linke Seite die Außenwelt. Somit lassen sich die aporetischen Spannungsfelder in der liegenden Acht aufspannen. Jedes aporetische Problem sieht uns wie ein Augenpaar an. Fast so als möchte es uns sagen: „… denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern“  (nach Rainer Maria Rilke).

Führung entfaltet die wilden Kräfte, wenn sie nicht aus dem Entweder-oder-Denken entkommen kann, Kompromisse als Lösungen zulässt und so nur durch Kampf Energien erzeugt. Das saugt die Energien aus den Menschen aus und führt zum Burnout-Syndrom. Führung entfaltet die herrlichen Kräfte, wenn sie sich dem Sowohl-als-auch-Denken zuneigt  und die aporetischen Spannungen als Quelle der Inspiration, der Entwicklung und der neuen Energie zu verstehen versucht. Das Lernen in der liegenden Acht – das „train the eigt“ Programm – will dazu einen möglichen Weg aufzeigen.

Literaturhinweis:

Völkl, K., Wallner, H.P., 2009, Das LILA Management Prinzip – Unternehmen neu denken und erfolgreich veränder, Signum Verlag

Ein Danke zwischendurch:

Herzlichen Dank an meine Twitter-FreundInnen, die meine Blogartikel immer wieder weiter empfehlen:  @tmenk @systargo @StHaase @Gika_HH @sicherundok @fraisl @PeterWolf @Nussknackerin @ProCharisma @Enilorac99 @erfolgsmatrix @powercoach @joville @giesebrecht @Isarnixe @sirrobyn und viele andere aus meiner Leseliste.

Danke an Dodo Kresse (@inetti) für die Inspiration, die künstlerische Ausgestaltung und mystische Untermalung von „train the eight“.

Danke an Kurt Völkl, Kurt Schauer, Josef Scheff, Gerti Walch, Stefan Vetter, Andrea Emerich für die spannenden Diskussionen und die wertvollen Ideen in der Entwicklung von „train the eight“ (ein Trainings- und Entwicklungsprogramm für Führungskräfte im Web 2.0)  – wir gehen Ende Nov. 2010 online (www.trainthe8.com)

Danke an Stefanie Eisenbaumer für die Denkanregung, mich mit Aporien zu beschäftigen! Ich freue mich auf eine spannende Diplomarbeit (UNI Graz).

Dr. Heinz Peter Wallner Learning to change! Dem Wandel begegnen, Komplexität meistern, auf höhere Ebenen kommen! Führungskräftetrainer, Organisationsentwickler, Buchautor, Vortragender, mit 20 Jahren Berufserfahrung. Leadership, Self -Leadership und Persönlichkeitsentwicklung, Umgang mit Veränderung und hoher Komplexität (VUCA Welt), Leading Change, Entscheidungsfindung und neue emotional-intuitive Führungskompetenzen für agile Führungsformen. Das ganzheitliche und kreative Design wird Sie überraschen. Web: www.hpwallner.com Büro: Schönborngasse 4/5, 1080 Wien, Österreich Mobil: +43-664-8277375 Office: +43-664-8277376 Mail: wallner [at] trainthe8.com Office: office [at] trainthe8.com

7 Kommentare

  1. Danke für die immer neuen und unterstützenden Kommentare 🙂 herzliche Grüße, Peter

  2. Ideen generieren und für deren Verwirklichung kraftvolle Räume zu schaffen, mag eine der faszinierendsten Aufgaben sein.
    Möge sich Ihnen Tür um Tür öffnen – entblätternd die kleinen und großen Geheimnisse des Innens und Außens.
    Inspirierende Grüße aus der Bilderwelt http://dodokresse.wordpress.com/
    Inetti

  3. Die Theorie des aporetischen Konflikts ist relativ unbekannt, jedoch schon sehr lange vorhanden. Der aporetische Konflikt ist essentiell für selbstorganisierende Unternehmen, er liefert die nötige Energie durch die die Organisation lebt. Nur solange ein Widerspruch in Form eines aporetischen Konflikts vorherrscht, ist das Überleben des Unternehmens garantiert. Der mechanistische Führungsstil lässt die Aporie nicht zu, da sie dem Gesetz der Logik widerspricht. Aporie = logische Auswegslosigkeit.

    Durch das Erkennen des aporetischen Konflikts ist es möglich gelingende Kommunikationsstrukturen aufzubauen, in denen die Lösungen für jeweilige Konflikte auf einer höheren Ebene gefunden werden. = Konsens

    Wenn wir auf die Aporie zwischen Freiheit und Ordnung (Regeln, Gesetze) zurückkommen, kommen wir darauf, dass beide sich einander widersprechen, beide berechtigt sind und beide voneinander abhängig sind (Eigenschaften des aporetischen Konflikts), denn: „Nur wenn die Ordnung die Freiheit einschränkt, ist sie Ordnung; nur wenn die Freiheit die Ordnung relativiert, ist sie Freiheit (Gerhard Schwarz).“

    Versucht man, solche Konflikte mit Flucht, Vernichtung, Unterwerfung, Delegation oder Kompromiss zu lösen, kommt man darauf, dass all diese Methoden versagen.
    Die Lösung wird auf einer höheren Ebene gefunden, werden alle vorher erwähnten Konfliktlösungen angewandt, wird man zum Schluss draufkommen, dass (im Falle von Freiheit und Ordnung) die Lösung des Konflikts bereits nahe liegt und zwar insofern, dass eine von der Freiheit gewünschte Ordnung installiert wird. Es entsteht etwas Neues, ein Fortschritt.

    Also ist es zukünftig nötig, die Frage: Wer von beiden hat Recht? in den Hintergrund zu stellen. Viel wichtiger ist sich zu fragen, wie man einen Entwicklungsprozess herbeiführen könnte, in dem ein Konsens gefunden werden kann.

    Es ist notwendig, die Angst und das ständige Misstrauen, die durch den hierarchischen Machtkampf entstehen, auszumerzen.

    „Mit jeder gelungenen Einigung (Kommunikation) ist die Chance für noch bessere Interaktion vergrößert (Gerhard Schwarz).“

    Meiner Meinung nach bietet das LILA-Management einen sehr guten Ansatz um den Umgang mit aporetischen Konflikten zu lernen und Lösungen auf einer höheren Ebene zu finden. Umdenken und die Kraft der Aporie erkennen – sich voll und ganz im Herzen darauf einlassen – Kommunikation fördern – aus Fehlern lernen (Neues Denken – Neue Haltung – Neues Tun – Neue Erkenntnis)

    🙂

    Ich beziehe mich hier auf
    Schwarz, G. (2010): Konfliktmanagement. Konflikte erkennen, analysieren, lösen. 8. Aufl. Wiesbaden.

  4. Ich liebe diese polaren Spannungsfelder, wie immer sie heißen, wie bekannt sie auch immer sind – und sie sind wirklich alt, alle großen Religionen haben dieses Konzept aufgearbeitet.
    Gerade die liegende Acht lässt uns wie Peter richtig sagt aber nicht nur erahnen, dass es nicht darum geht diese Spannungsfeld aufzulösen, oder einen Konsens zu finden. Die Spannung ist elementar, ist Voraussetzung dafür, dass überhaupt etwas passiert – dort wo keine Spannung ist herrscht der Tod!
    Die liegende Acht gibt uns drei Ansätze:
    * die Pole sind Voraussetzungen für die Entwicklung – kein Hindernis
    * es liegt an uns die beiden in Ressonanz zu bringen – und nicht zu vermeiden
    * es gibt das nicht beachtet Dritte, das uns auf die nächste liegende Acht Ebene bringt – und damit eine neue Sicht der Dinge (die Wittgensteinsche Leiter sozusagen)

    Ich hoffe, dass diesen Beitrag viele lesen, denn er ist im Kern wirklich revolutionär, er behauptet nämlich, dass die oft dramatisch erlebten Spannungen das eigentlich Produktive und Energiespende sind. Das ist eine Verrückung des Bekannten. So können Führungskräfte tatsächlich Neues schaffen und den vielfältigen Fallen des Unlösbaren entkommen!

    Danke Peter!

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