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Führung und Management sind im Umbruch – Was heute wichtig ist: Komplexität meistern!

Die ungewöhnlich hohe Clickrate meiner Präsentation „Führen in Zeiten wachsender Komplexität“ auf Slideshare hat mir eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig heute das Thema „Komplexität meistern“ für Führungskräfte geworden ist. Mit diesem Artikel möchte ich noch ein paar Gedankensplitter hinzufügen und das „Terra Incognita des Managements“ weiter bereisen.

 

Komplexität in der Führung meistern

Der Blick auf das Wesentliche: Komplexität

Niemand scheint sich mehr daran zu stoßen, dass jeder zweite Artikel über Management und Führung mit dem Satz beginnt: „Die Komplexität der Welt nimmt rapide zu!“. Es ist wahrscheinlich so, wie es Peter Sloterdijk beschreibt: „Es lässt sich nicht leugnen, die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt ist die allgegenwärtig wachsende Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann“. „Du musst dein Leben ändern.“ (Peter Sloterdijk). Jetzt ruft eine Situation, in der das alte Management an seine Grenzen kommt und das neue Management sich nur durch eine Vielzahl von Skizzen erkennen lässt, immer die Warner hervor. Mit scheint die Gruppe der Warner aber in eine Zunft von höchst aufgeregten Alarmierern zu mutieren. Sie beschwören mit Plattitüden das Ende des Managements herauf und klammern sich an die Extremposition der Besserwisser. Dabei liegt genau hier der Anfang des neuen Denkens. Setze Bewertungen aus.

Sehr sinnvoll hingegen scheint mir die Beschäftigung mit dem Wesen der Komplexität. Egal ob es um ein neues Managementverständnis geht oder um eine neue Führungsarbeit, alle Menschen, die komplexe Systeme verantworten, tun gut daran einmal in die Thematik tiefer einzutauchen. Komplexität ist ein Zeichen der Lebendigkeit und damit sicher nicht unser Feind. Der weit verbreitete Irrtum, sie reduzieren zu müssen ist es wert, aufgeklärt zu werden. Dazu gibt es natürlich viel Vertiefungsmöglichkeiten: Ich empfehle den Klassiker Fredmund Malik. Zum schnellen Einstieg auch meine beiden Artikel über Komplexität (1) (2)

Navigieren auf Sicht in unbekannten Gewässern

Zuvor aber gleich eine Erkenntnis, die sich in vielen Aussagen der Management-VordenkerInnen – von Fredmund Malik, Peter Kruse bis Gary Hamel – wiederholt und daher wohl sicheres Terrain darstellt: Das Management der großen Pläne wird durch ein „Management auf Sicht – ein Führen auf Sicht – ein Navigieren in unbekannten Gewässern“ abgelöst. Wir arbeiten heute in der Unternehmenspraxis also ohne Navigationsgerät, ja teilweise sogar ohne Karten. Kaum mehr macht es Sinn, große Routen zu zeichnen und verfolgen zu wollen. Zu nebelig ist die Welt, zu unklar und unscharf sind mögliche Wege zu den Zielen. Wir können uns nur mehr in der Nähe unserer Ziele aufhalten und agil steuern. Wir bleiben dabei intuitiv nahe am Ziel, reflektieren ständig, passen an, trimmen das Ruder, beobachten mögliche unbekannte Untiefen und binden alle Menschen ein, die wird einbinden können. Alle gemeinsam wissen mehr, erkennen mehr, können Herausforderungen besser meistern und erzeugen eher den Pioniergeist der Weltenerkunder, den wir heute wieder brauchen. Solche Gemeinschaften sind auch die Quelle großer Visionen. Kaum werden wir weniger brauchen als große Visionen, will doch die Welt, wie wir sie kennen, neu erfunden werden.

Ein schneller Entwurf neuer Prinzipien

Ich folge bei meiner kleinen Gedankenreise im Folgenden dem Veränderungszyklus: „Geist-Herz-Bewegung-Form“ oder „Neues Denken-neue Haltung-neues Tun-neue Erkenntnis“ (kurz auch „train the eight“, weil entlang einer liegenden Acht darstellbar) über den Sie auf meinem Blog unzählige Artikel finden. Die Prinzipien stellen nur „shitty first drafts“ dar und sollen zum Nachdenken anregen. Gesichertes Wissen gibt es hierzu wenig.

Prinzip: Das neue Denken im Management und in der Führung

  • Beobachte zuerst immer das größere Spiel – tauche ein in den globalen Wandel
  • Rechne mit dem Unerwarteten und sei mit Veränderung jederzeit und bestens vertraut
  • Denke in großen Zusammenhängen und möglichst ganzheitlich (neue Weltsicht)
  • Das neue Denkmodell lautet: „Navigiere auf Sicht“

Prinzip: Die neue Haltung im Management und in der Führung

  • Setze schnelle Bewertungen aus und erkunde unvoreingenommen die neuen Möglichkeiten
  • Sei neugierig auf andere Sichtweisen, traue Menschen etwas zu und binde sie ein
  • Sei kreativ und lasse dich auf neue, unbekannte Methoden ein
  • Sei lebendig und flexibel, probiere aus, was das Zeug hält

Prinzip: Das neue Tun im Management und in der Führung

  • Stärke dich selbst, andere Menschen und mit jedem Zug auch die Position des Unternehmens
  • Bewahre deine Handlungsspielräume und halte alles lange genug in der Schwebe
  • Versuche stets die Anzahl der Optionen zu vermehren, reduziere und konkretisiere nicht zu früh
  • Gehe in kleinen Schritten, am besten immer iterativ, vor – das ist ständiges Lernen aus Feedback

Prinzip: Neue Erkenntnis im Management und in der Führung

  • Denke bei jeder Entscheidung über einen möglichen Rückzug nach und setze nicht alles auf eine Karte
  • Versuche einfache „Heuristiken“ abzuleiten und setze auf die Intuition
  • Überlege, was Wirkung erzeugt hat und was nicht. Verstärke die Dinge, die in Bewegung kommen – folge der Energie
  • Es braucht eine Entscheidung zur Wiederholung in intelligenterer Weise – entscheide aber nicht alleine

Herausforderungen für Führungskräfte und Manager / Managerinnen

Es gibt Herausforderungen im Umgang mit komplexen Systemen, die für Führungskräfte schwer zu meistern sind. Obige Prinzipien können dabei aber sehr unterstützen.

In komplexen Systemen können wir auf keine klaren Wenn-Dann-Beziehungen setzen. Die Kausalität geht verloren. Unsere Handlungen, auch scheinbar unscheinbare, können unbeabsichtigte Folgen und große Folgen haben. Alle kennen den Schmetterlingseffekt aus der Chaostheorie. Spooky aber ist die Möglichkeit, dass eine solche Sache auch im Umfeld meines Unternehmens auftreten kann. Eine kleine Änderung am Produkt kann alles verändern. Diese eine Kleinigkeit kann einen riesen Erfolg oder den Untergang bringen; oder auch rein gar nichts bewirken.

Wir sind gewohnt, die Ausgangssituation, in der wir uns befinden klar zu erkennen und im Detail zu analysieren. Auch davon müssen wir uns verabschieden. In komplexen Umwelten ist es uns gar nicht mehr möglich, die Situation umfassend zu erkennen. Wir müssen sogar Informationen weglassen, um eine gute Entscheidung treffen zu können. Der Blick auf Details kann sehr hinderlich sein. Es geht mehr um die großen Muster, die es zu erkennen gilt. Wer aber weiß schon wirklich, was die großen Muster sind?

train the eight

Neue Herausforderungen im Unternehmen meistern  

Ich gehe kurz auf einige Situationen ein, die in Unternehmen relevant sind und wobei uns  die Komplexität eine Ressource sein kann, wenn wir sie zuvor nicht schon verdammt haben.

Strategien in komplexen Situationen entwickeln

Hände weg vom klassischen Planen. Es passt eher, wenn wir gemeinsam Szenarien formulieren und uns Geschichten erzählen. Um uns nicht ganz der Phantasie zu überlassen, können wir auch Daten analysieren. Dabei geht es nicht mehr um das Normale, den Durchschnittswert, sondern um die Sonderfälle, die Extreme. Alles, was wichtig ist, liegt schon vor uns, wir können es meist nur leider noch nicht sehen.

Volle Konzentration sollte auf die Widersprüche gelenkt werden, die im Unternehmen wirken! Welcher Widerspruch prägt unsere Situation? Wie können wir aus den Widersprüchen Quellen der Energie für uns machen? Es sind immer diese nicht entscheidbaren Fragen, die uns Probleme bescheren und denen wir unsere Aufmerksamkeit schenken müssen.

Einen Zweck der Existenz zu suchen ist lohnender als Ziele zu formulieren. Auch Visionen sind nicht mehr, was sie einmal waren. Heute sind Visionen Vorstellungen einer besseren Welt, zu deren Entstehung wir einen Beitrag leisten wollen. Daraus leitet sich der Sinn ab, für den es sich lohnt, Energien einzusetzen.

Entweder ganzheitlich nachhaltig entlang der ganzen Wertschöpfungskette und in den Produkten oder auf ein schnelles Ende hoffen. Welchen Sinn soll ein Wirtschaften noch haben, das unsere Umwelt und Mitwelt an die Wand fährt? Seitdem wir wissen, in welches Disaster wir unsere Umwelt gebracht haben, führt an kompromisslosen  Nachhaltigkeitsstrategien kein Weg mehr vorbei.

Am besten eignen sich Wege der Vernetzung und des Dialogs mit den Kunden, PartnerInnen und mit den Menschen des Unternehmens. Nutze die Intelligenz der Vielen, es ist eine „übersummative Intelligenz“ meinte Peter Kruse, und vertraue auf die Menschen, Herausforderungen zu meistern. Halte dich selbst nicht für allzu klug. Im Klima der Kooperation und des Vertrauens, voller Respekt und auf Augenhöhe, kann das entstehen, worauf alle warten: Eine zukunftsfähige Lösung.

Letztlich ist es noch die iterative Vorgangsweise, die viel zum Erfolg beitragen kann. Iterativ testende Agilität nannte das Peter Kruse. Es ist eine schöne Formulierung für das Navigieren auf Sicht, für das Lernen aus Feedbackschleifen, für die ständige Anpassung und Innovation, für den Kreislauf der Lebendigkeit.

Entscheidungen anders treffen

Es ist heute nicht leicht, gute und tragfähige Entscheidungen zu treffen. Wir kleben am Widerspruch zwischen einer schnellen Entscheidung, die einsam zu treffen ist, und gemeinsamer Entscheidung, die längere Dialoge braucht, fest. Aber der Widerspruch lässt sich bearbeiten und sinnvoll nutzen. Sicher aber ist eines: Der Verstand alleine – und schon gar nicht der Verstand einer einzelnen Personen – reicht heute längst nicht mehr aus. Ohne eine gehörige Portion Ignoranz kann das niemand mehr glauben.

Worauf es heute bei Entscheidungen immer mehr ankommt:

  • Nutze den Verstand und bewerte Optionen, aber das ist nur mehr eine Perspektive unter mehreren.
  • Setze immer stärker auf die Intuition, die auf Erfahrungswissen beruht. Prüfe aber, ob die Erfahrungen in einem „ähnlichen System“ gemacht wurden, sonst sind sie nicht hilfreich.
  • Sei kreativ in der gesamten Entscheidungsfindung. Nutze alle Möglichkeiten, die neue Kreativitätsmethoden anbieten. Gehe über das Normale weit hinaus.
  • Verbinde das rationale Wissen und die Intuition, um neue Heuristiken zu entwickeln. Das sind Entscheidungsstrategien, die Informationen weglassen und stark fokussieren.
  • Entwickle immer mehr Optionen, als es auf den ersten Blick sinnvoll scheint und halte alle Möglichkeiten in der Schwebe. Niemals zu schnell konkret werden und entscheiden.
  • Nutze neue Entscheidungsverfahren, um die „Intelligenz der Vielen“ zu nutzen! Es gibt schöne Entscheidungsmechanismen, die sinnvolle Kompromisse bringen und die in agilen Organisationen erprobt wurden. Beispiel ist die Entscheidung im Konsent aus der Holacracy.
  • Wenn es um strategische Fragen geht, dann ist das „intuitive Prozessieren“ eine interessante Methode. Ein Mix aus Verstand und Intuition führt zu wirksamen Ergebnissen. Im entscheidenden Moment vertrauen alle Beteiligten der Intuition.

Risiken minimieren

Zuletzt gilt es, im neuen Modus Risiken zu minimieren. Dazu nur ein paar Gedanken:

  • Es zahlt sich immer mehr aus, die Letztentscheider in die Entwicklungen einzubeziehen. Es gibt viele Beispiele, wo Innovation in Co-Creation von EntwicklerInnen und Kunden erfolgt. Das „Design Thinking“ ist hierzu eine bekannte Methode.
  • Überhaupt zahlt es sich aus, mit den Stakeholdern im Dialog zu stehen. Laufendes Feedback ermöglicht erst das Navigieren in unbekannten Gewässern.
  • Schnelle Entwürfe, die „Shitty first drafts“ werden immer wichtiger. Das kommt dem Abschied vom Perfektionismus gleich. Wer heute noch perfekt sein will, den überholt das Leben.
  • Redundanzen schaffen kann Unternehmensleben retten. Es ist ein guter Rat, nicht alles auf eine Karte zu setzen und auch immer über einen Rückzugsplan zu verfügen.

Ich freue mich, wenn Sie meine „Shitty first drafts“ zum Nachdenken angeregt haben. Kommentare sind sehr willkommen, ebenso wie Links und Hinweise, wo das Wissen diskutiert wird und Vertiefungen zu finden sind.

Zum Abschluss noch eine Frage

Kennen Sie „I am sherlocked“? Es gibt Widersprüche, die es wert sind, von Ihnen aufgeklärt zu werden, Mr. Sherlock Holmes! –  Wenn Sie das auch so sehen, dann wird Ihnen das hier gefallen: LINK 

Oder, wenn Sie kein Sherlock Fan sind, aber trotzdem über Komplexität nachdenken, könnte Ihnen das gefallen: LINK 

Herzlich, Ihr

Heinz Peter Wallner

Hier meine Präsentation „Umgang mit Komplexität in der Führung – Entscheidung – Lebendigkeit – Intuition – Heinz Peter Wallner“ auf Slideshare:

Besuchen Sie mich auf Pinterest:

Folge Heinz Peters Pinnwand „Calendarien – Entwicklingslandkarten für Menschen – Landkarten im Kopf“ auf Pinterest.

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Autor: Heinz Peter Wallner

Dr. Heinz Peter Wallner: Führungskräftetrainer, Management-Ratgeber, Buchautor und Vortragender mit 20 Jahren Erfahrung. Führungskräfte stehen heute vor ganz neuen Herausforderungen, die eine hoch komplexe, extrem dichte Arbeitswelt mit sich bringt. Viele sind an ihrer Belastungsgrenze angekommen und dennoch bleiben viele Probleme ungelöst. Das liegt daran, dass herkömmliche Führungs- und Managementkompetenzen nicht mehr ausreichen. Es braucht Kompetenzen für den Umgang mit hoher Komplexität. Das ist ein neues Terrain für Führungskräfte auf allen Ebenen des Managements. Wählen Sie aus meinen speziellen Trainingsangeboten in den Bereichen Leadership, Self Leadership und Persönlichkeitsentwicklung, Umgang mit Veränderung und hoher Komplexität (VUCA Welt), Leading Change, Entscheidungsfindung und neue emotional-intuitive Führungskompetenzen für agile Führungsformen aus. Gemeinsam stellen wir das passende Führungskräftetraining und ein erfahrenes Team zusammen. Das ganzheitliche und kreative Design wird Sie überraschen. Web: www.hpwallner.com Wallner und Schauer GmbH Hauptstraße 23/1/24 A-8301 Laßnitzhöhe Austria

2 Kommentare

  1. Gratulation lieber Peter!
    Ich wollte, ich hätte auch so tolle Auftritte im Netz wie Du.
    Dein neuer Kalender steht auf meinem Tisch. Daher denke ich auch jeden Tag wohlwollend an Dich.
    Alles Liebe und Gute!
    Peter

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